Außer Haus:

#1 Nobelhart & Schmutzig

Wo können wir eine Rubrik über neue deutsche Küche oder sagen wir lieber, moderne deutsche Küche, besser beginnen als im aktuell wohl bekanntesten deutschen Restaurant Deutschlands: dem NOBELHART & SCHMUTZIG in Berlin. 2015 eröffnet und mittlerweile mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet, schreibt sich das Restaurant von Wirt und Sommelier Billy Wagner sowie Küchenchef Micha Schäfer „radikal lokal“ auf die Fahne. Verwendet werden ausschließlich Produkte aus Berlin und der näheren Umgebung wie Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern. Das heißt auch: Zitrone, Pfeffer oder Thunfisch sucht man hier vergebens. Das Ganze wird in einem vorab festgelegten Zehn-Gänge-Menü serviert. Lediglich Unverträglichkeiten sowie die persönliche Essensmoral werden berücksichtigt. Ein Hauch Erziehung liegt in der Luft, was uns tendenziell nicht stört, wenn jemand weiß, was er tut.

(Wir sind keine klassischen Gourmets und ein fancy Lebenslauf alleine beeindruckt uns nicht. Noch lässt er uns das Essen besser schmecken. Wenn Sie also mehr über Billy Wagner und Co erfahren wollen: Das Netz ist voll mit seinem Werdegang. Wir sind diesmal wirklich nur zum Essen gekommen.)

 

Wenn man sich als naiver Besucher im Vorfeld kurz informiert, findet man den ein oder anderen wütenden bzw. enttäuschten Gast im Netz: zu kleine Portionen, zu viel Arroganz. Und so witzeln mein Begleiter und ich, als wir uns an einem Dienstag im November vor dem NOBELHART & SCHMUTZIG treffen, dass der Döner nebenan hier wohl das Geschäft seines Lebens macht. Das Restaurant liegt im hinteren Teil der Friedrichstraße, zwischen Checkpoint Charlie und Halleschem Tor. Der Teil, der noch ganz den Berlinern und eigentlich auch nur DEN Berliner gehört, die hier wohnen. Die Gegend: teilweise prekär, mit altem Glanz und billigen Spielcasinos gespickt; da reiht sich die Fassade des NOBELHARTs nahtlos ein und sticht doch, mit einem Hauch mehr Stil heraus. Man muss klingeln um Einlass zu bekommen – man kann diesen Akt der vermeintlichen Arroganz zuschreiben oder ihn als eine Art Amuse-Geul für den Abend sehen. Einen Abend an einem Ort, an dem vom Haus aus Mobiltelefone und die AFD verboten sind. Beides könnte (Spoiler-Alert) zum extrem positiven Verlauf des Abends beigetragen haben.

Wir werden freundlich und mit einer angenehmen erwachsenen Distanz begrüßt, die man sich vielleicht auch nur in Berlin sehnsüchtig wünscht, und an unseren Platz an der Bar geführt. Der Raum überrascht mit seiner Aufteilung: eine große Küche in der Mitte, gesäumt von einem großen goldenen Bartresen. Es liegt etwas Sinnliches im Interieur, eine Wehmut nach intimer Grandezza. Mein Begleiter und ich haben ein gemeinsames Faible, alte Derrick-Folgen, und die Aufmachung des NOBELHARTs erinnert uns an eine luxuriöse Hotelbar in den 70ern. Mit sehr bequemen Barstühlen.

 

 

Unser Menü für den Abend:

 

Haferauszug

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Weißer Rettich

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Aal / Rotkohl

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Alfredo Sironi Dinkel-Sauerteigbrot & Rohmilchbutter

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Hecht / Zwiebel


Grünkohl / Meerrettich

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Sellerie / Schwarzes Johannisbeerholz

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Hirsch / Beifuß

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Kartoffel / Apfel

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Milch / Schwarze Walnuss

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Haselnuss / Wachholder

 

Dazu gibt es gefühlt 300 Weine zur Auswahl, ausgefallene Biere und selbstgemachte Saft-Experimente. Wasser ist in jedem Menü kostenlos mit dabei.

 

Die einzelnen Gänge werden von den einzelnen Köchen angebracht und vorgestellt, eine sehr schöne persönliche Note, die mich als Gast wertschätzt.

Wie gesagt: Wir sind keine klassischen Gourmets, aber schon das erste Gericht lässt mich nicht an der Notwendigkeit eines NOBELHARTS & SCHMUTZIG zweifeln: WEIßER RETTICH auf einem knusprigen dünnen Brot mit frischem Rahm und Salz. WEIßER RETTICH auf einem knusprigen dünnen Brot mit frischem Rahm und Salz? OK, wir essen hier gerade gesalzenen Radi auf Knäckebrot im Sternerestaurant? Für richtig viel Geld? Mein Kopf ist in Aufruhr, aber meinem Gaumen gefällt der frische und zarte Geschmack. Die einfache Kombination, in der die Qualität der Zutaten die Perfektion bedeuten. Less is more. Und dann noch lokal. Interessant. Man wird aufmerksam für die nächsten Gänge, allesamt mehr oder minder auf die im Menü beschriebenen Komponente reduziert. Das Konzept macht Sinn, denn nur so nähere ich mich dem vermeintlich Gewöhnlichen und... kann es bewusst und neu zu schätzen lernen. Die Geschmäcker der Gerichte sind subtil wie der Duft eines edlen Parfums: Man kann seine Schönheit erkennen, auch wenn es nicht der persönliche Lieblingsduft ist. Von Gang zu Gang vertraut man Billy Wagner und seinem Team mehr und probiert auch ohne Überwindung die Gerichte, die man sonst nie bestellen würde, wie z.B. Aal.

 

Je länger wir im NOBELHART & SCHMUTZIG verweilen, umso mehr entfaltet sich seine Magie: Alle sind anwesend. Alle sind im Moment und in diesem Abend – the guest is present. Doch woran liegt es? Am Handyverbot, dem alle durch die Bank weg folgen? Durch die exponierte Sitzlage an der Bar mit Blick in die Küche und den damit verbundenen Wechselspiel der Perspektiven – mal ist man Gast, mal nur Voyeur? An der Dynamik des Teams um Billy Wagner, die in sich so homogen sind, dass man sich als Besucher einer lukullischen Kommune wähnt? An der Musik, die natürlich auch dem Geschmack des Chefs unterliegt? Am Essen?

 

Und das Essen hat nichts Opulentes, Wollüstiges oder Maßloses. Im Gegenteil. Es ist klar, durchdacht, vielleicht auch etwas verkopft, auf den Punkt und damit: so richtig Deutsch. Dieser vertrauter Tenor, gepaart mit der sinnlichen und analogen Inszenierung hat uns beseelt. Wirklich beseelt. Vier Stunden waren wir zu Gast im NOBELHART & SCHMUTZIG und wir haben uns in keiner Sekunde gelangweilt. Wir kommen wieder. Und kaufen morgen einen Rettich.

 

Empfehlung: 10/10

 

NOBELHART & SCHMUTZIG

Friedrichstraße 218

10969 Berlin

Telefon: 030 2594 0610

www.nobelhartundschmutzig.com

 

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag ab 18:00 Uhr

Menü aktuell ab 95 Euro